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Die Schiene von morgen: VDB-Standpunkt im Tagesspiegel Briefing Mobilität

Beim europäischen Zugsteuerungssystem ETCS gehen unsere Nachbarn voran. Dänemark plant, sein gesamtes Eisenbahnnetz bis 2030 auf ETCS umzurüsten, Österreich weite Teile schon bis 2023. Und Deutschland? Liegt weit unter dem europäischen Durchschnitt. Die Bundesrepublik spart, obwohl Investitionen in die digitale Schiene gut sind für Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit.

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Von der „Industriestrategie 2030“ der Bundesregierung bis zum Europa-Appell aus der Feder des französischen Präsidenten Emmanuel Macron: Wirtschaftspolitik steht auf der Agenda. Genauer gesagt: Die Einsicht, dass Europa eine ehrliche Stärken-Schwächen-Analyse für das digitale Zeitalter braucht – und mehr in seine Zukunft investieren muss. Zwar spielt Europa auf wichtigen IT-Feldern keine führende Rolle mehr. Aber die Digitalisierung der Mobilität läuft gerade erst richtig hoch. Hier liegt Deutschland vorn, gerade im Schienenverkehr.

Doch jetzt geht es um Schiene 4.0. Es ist ein Epochenumbruch: Was der Ausbau der physischen Schienenwege für das 19. und 20. Jahrhundert bedeutet hat, bedeutet der Ausbau eines zweiten, digitalen Schienennetzes für das 21. Jahrhundert. Deshalb muss die Haushaltspolitik mit mehr Weitblick in die digitale Zukunft investieren: in intelligente Zugsteuerung, in digitale Stellwerke und datenbasierte Zustandserfassung und Kundenservice. Die Beratung McKinsey hat die nötigen Investitionen auf jährlich 1,5 Milliarden Euro beziffert. Viel, aber gut investiertes Geld.  

Automatisiert fahrende Metros

Der Nutzen lässt sich schon heute greifen. In Paris oder London etwa sind automatisiert fahrende Metros in engem Takt unterwegs, die bis zu 30 Prozent Energie sparen. Zwischen Metropolen sorgt das europäische Zugsteuerungssystem ETCS – European Train Control System – für superschnelles Reisen, Punkt-zu-Punkt gleichauf mit dem Flugzeug. Berlin-München beispielsweise verbindet die Strecke VDE8, neuerdings mit Hochgeschwindigkeit und ETCS, binnen vier Stunden. Das überzeugt. 2018 haben über eine Millionen Menschen von Straße und Flugzeug zum ICE gewechselt. Auf der Strecke hat die Schiene ihren Marktanteil damit verdoppelt. Auf heute 46 Prozent. Das ist doppelt so viel Klimaschutz. Denn der Zug auf der Schiene stößt über 70 Prozent weniger CO2 aus im Vergleich zum Straßenverkehr.  

Digitalisierung legt die Basis für reibungslose Logistik. Europas größter Eisenbahnhafen – diesen stolzen Rekord hält der Hamburger Hafen. Die Hamburg Port Authority setzt in ihrer „Smart-Port“-Strategie auf innovative Informationstechnologie, um die Verkehrsträger intermodal zu vernetzen. Doch auch die Anbindung zum Hinterland muss funktionieren. Die Alternative: Kilometerlange groteske Lkw-Kolonnen oder deutlich mehr Kapazität auf den vorhandenen Schienenwegen. ETCS kann die Leistungsfähigkeit um 40 Prozent erhöhen. Wer Klimaschutz ernst meint, muss in Europa mehr Güter auf die Schiene bringen. Doch wie, wenn die Zugsteuerung einem Flickenteppich gleicht und Loks teils an der Grenze getauscht werden? ETCS schafft endlich die volle technische Interoperabilität des europäischen Eisenbahnnetzes. Nur so kann die Schiene mit dem Lkw konkurrieren.  

Prädiktive Wartung, die Ausfälle erkennt, bevor sie auftreten. Künstliche Intelligenz, die völlig neue Datenanalyse erlaubt. Emissionsarmer Verkehr durch Elektromobilität – mittlerweile sogar oberleitungsfrei mittels Batterie-, Hybrid-, und Wasserstoffantrieb. Die digitale Schiene macht es möglich. Und die Basistechnologie dafür bildet ETCS.  

Niederlande und Belgien weit vorn

Unsere Nachbarn gehen mit klarer Mission voran. Dänemark plant, sein gesamtes Eisenbahnnetz bis 2030 auf ETCS umzurüsten, Österreich weite Teile schon bis 2023. Und Deutschland? Zaudert. In der Bundesrepublik sind nur 80 von 8193 Kilometer der Kernkorridore mit ETCS ausgestattet: ein Prozent. Das liegt weit unter dem europäischen Durchschnitt. Nachbarländer wie die Niederlande (44 Prozent) und Belgien (38 Prozent) legen vor.   

Gewiss kann man am ETCS-Ausbau sparen. Aber zu welchem Preis? Investitionen in die digitale Schiene Deutschland sind Investitionen in Klimaschutz, Wettbewerbsfähigkeit und Zukunftstechnologie. ETCS ausrollen und Fahrzeuge dafür ertüchtigen, Stellwerke digitalisieren, Glasfasernetze ausbauen – diese Grundlagen muss Deutschland jetzt schaffen. Das stetig steigende Verkehrsaufkommen kann nur mit einer modernen, an den Zukunftsanforderungen orientieren Schiene bewältigt werden und somit den Wirtschaftsstandort Deutschland nachhaltig sichern. Die Bahnindustrie in Deutschland steht im Wettbewerb bereit, die nächste Erfolgsgeschichte mitzuschreiben. Das gemeinsame Ziel? Nicht weniger als das Fundament für ein neues Zeitalter.

Volker Schenk, VDB-Präsident

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